Falsche Konzepte
Donnerstag, 4. September 2008
Der enorme Erfolg eines Erziehungsbuches als Symptom dafür, dass in unserer Einstellung gegenüber Kindern etwas nicht stimmt. Jens Heisterkamp über den Bestseller von Michael Winterhoff: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden."„Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ – der Titel ist provokant genug. Dabei stammen die Erfahrungen, aus denen der Psychotherapeut Michael Winterhoff schöpft, nicht einmal aus jenen mittlerweile fernsehweit bekannten prekären Schichten, in denen sich die chaotischen Dramen der Supernanny abspielen, sondern aus dem gebildeten Bürgertum, wo man etwas auf seine Erziehungsgrundsätze hält. Aber gerade hier scheint die Ratlosigkeit darüber groß, wie man sinnvolle Verhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen gestalten soll.
Dass der elementare Unterschied in diesem Verhältnis nicht mehr gesehen und noch weniger berücksichtigt wird, ist die entscheidende Diagnose des Autors: Beziehungen misslingen, wenn die wesentliche Differenz darin geleugnet wird, wenn die Erwachsenen große Kinder bleiben und ihren Kindern „Kumpel“ sein wollen, sich keine Prinzipien mehr zutrauen und keine Grenzen mehr setzen, und wenn umgekehrt Kinder keine Kinder mehr sind, das heißt kleine Erwachsene sein müssen, die ihren Eltern als „Partner“ und Projektionsfläche dienen. Nicht etwa nur Eltern, sondern auch Erzieher und Lehrer haben Winterhoff zufolge heute falsche „Partnerschaftskonzepte“ verinnerlicht, die beispielsweise große Teile der Vorschulerziehung prägen – mit der Folge unabsehbarer Verhaltensschäden. So hält der Autor es beispielsweise nicht für altersgemäß, wenn schon ein Kleinkind einer Anordnung durch „Einsicht“ folgen soll. Bis zu einem gewissen Alter wird es einfach tun, was der Erwachsene sagt, weil es ihm gefallen will, so der Autor. Ungesund wird es, wenn der Erwachsene dieses natürliche hierarchische Verhältnis umdreht und sein Verhalten von der (im Grunde abwegigen) Furcht geprägt wird, die Zuneigung des Kindes zu verlieren. Dadurch werden Kinder geradezu in Kontrollverhältnisse über Erwachsene hineingedrängt. Aus Angst vor Liebesentzug neigen Erwachsene dann zu „symbiotischen“ Beziehungen und scheuen davor zurück, ihren Kindern da, wo es angemessen wäre, Erwartungen und Wünsche auch zu verweigern und ihnen Verzicht und Aushalten-Können zuzumuten. Winterhoff sieht deshalb eine Generation extremer Egoisten und Narzissten mit immer noch sinkender „Frustrationstoleranz“ heranwachsen. Solche Analysen kollidieren freilich mit manchen liebgewordenen Mythen, etwa dem seinerzeit sehr beliebten Slogan „Kinder an die Macht“ oder auch mit romantisierenden Vorstellungen der Kinder als „Heilsbringer“ für eine schlechte Erwachsenenwelt.
Durch zahlreiche anschauliche Fallbeispiele des Buches zieht sich immer wieder die eine Grundfigur: ungesunde „symbiotische“ Verhältnisse verhindern nötige Abgrenzungen, an denen sich Kinder als Kinder entwickeln können. Dabei schätzt selbstverständlich auch Winterhoff das Ideal der Gleichberechtigung und hierarchiefreien Kommunikation. Damit sich dies aber als Fähigkeit überhaupt bilden kann, brauchen „Kinder zunächst einmal ein erwachsenes Gegenüber, das eine traditionelle, vertikale Denkweise beherzigt“ und, wie der Autor ergänzt, „sich darüber im Klaren ist, das bisweilen negativ besetzte Begriffe wie Autorität und Hierarchie genau die Eckpunkte im Verhalten gegenüber Kindern sind, die diesen die notwendige Struktur und Orientierung geben, um sich in der Welt zurecht zu finden“.
Dass ein Buch mit derart einfachen (aber eben elementaren) Gedanken heute zu einem „Bestseller“ wird (das Buch steht bereits in der 8. Auflage), zeigt allein schon, wie groß die Not ist, bedeutet aber auch ein Hoffnungszeichen.
Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit. Gütersloher Verlagshaus, 190 S., € 17,95.
Erhältlich bei Mas Vida.
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